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Der gute Geist

 

Sie kommen immer dann, wenn er sie am wenigsten erwartet; Erinnerungen an eine einfachere Zeit, die vielleicht gar nicht einfacher war, sich aber im Nachhinein so anfühlt, weil man so sehr daran gewöhnt war. Es sind keine wichtigen, weltbewegenden Erinnerungen, nur kleine Ausschnitte aus dem Alltag, den es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt und den er sich zurückwünscht, auch wenn er ganz genau weiß, dass er für immer verloren ist und dass es so für alle Beteiligten wahrscheinlich besser ist.

 

Es ist etwas so Gewöhnliches und Beruhigendes, einen Mann, der noch seine Jacke trägt, obwohl es angenehm warm ist, am Wohnzimmertisch sitzen zu sehen, über seinem Kopf ein Kristallleuchter, den er wie den massiven dunklen Holztisch und den größten Teil der Einrichtung im Ausland erstanden hat. Er blickt auf seine durch eine Sehnenerkrankung verformten Hände hinunter, in denen er einen alten Füller hält, den er aufmerksam inspiziert. Wenn eine der Töchter sich zu ihm setzen würde, würde sie das Risiko eingehen, etwas über eben diesen Füllfederhalter erzählt zu bekommen, weswegen sie es vermeiden, sollten sie nicht auf ein stundenlanges Gespräch aus sein.

 

Was das Bild vervollständigt, ist eine kleine, dunkelhaarige Frau im Nachthemd, die die Hände auf den Tisch gestützt ein Buch liest, dabei vielleicht raucht oder trockene Schokocornflakes isst, wobei sie schmatzt oder mit einer Tüte raschelt, wovon der Mann mit dem Füllfederhalter gar nicht angetan ist. Er wirft ihr immer wieder genervte und vorwurfsvolle Blicke zu und fordert sie wiederholt auf, nicht zu schmatzen. Sie überhört ihn, entweder, weil sie dazu tendiert auf niemanden zu hören, besonders auf ihn nicht, oder aber, weil sie zu sehr auf ihr Buch konzentriert ist und auch das eine Ohr, auf dem sie nicht taub ist, nur selektiv die Geräusche seiner Umgebung wahrnimmt.

 

Wenn man ein paar Stunden später ins Schlafzimmer, einem viel zu großen Raum mit grünem Teppichboden, einer grüngestreiften Tapete und einem großen Bett in einem Eck, kommt, wird sie im Bett liegen und weiterhin lesen, das Schmatzen wird zugenommen haben, im schlimmsten Fall wird es den ganzen Raum erfüllen. Er wird entweder in seine Decke gehüllt auf seiner verkrümelten Bettseite liegen und ebenfalls lesen – entweder ein Buch oder den Spiegel, den er seit Jahren abonniert – oder aber er wird auf dem Boden vor dem Bett liegen und fernsehen. Unvermeidbar ist dabei, dass er sich lautstark mit dem Fernseher unterhält, was sie belustigt, weil sie es nicht nachvollziehen kann. Wenn sie redet – und sie redet viel – will sie auch eine Antwort haben.

 

Auch im Schlaf redet sie und macht Kaugeräusche, was ihn dazu veranlasst ein Kissen nach ihr zu werfen, wenn sie ihn damit aus seinem leichten Schlaf weckt, sie aber schläft ruhig weiter. Er hasst komische Geräusche.

 

Wenn er an Wochentagen nach Hause kommt und dabei die große schwere Haustür hinter sich zufallen und somit das ganze Haus wissen lässt, dass er angekommen ist, stellt er die Aktentasche, die sie ihm Jahre zuvor geschenkt hat, auf den Dielenboden und schaut, ob ein neuer Füller für ihn angekommen ist. Wenn das der Fall ist, setzt er sich damit an den Wohnzimmertisch.

 

Sie macht um diese Zeit meistens ihr Nickerchen oder telefoniert mit der Verwandtschaft, fragt ihn wenn sie wach ist, ob er Hunger hat. Er antwortet immer mit ja und manchmal kocht sie dann auch was und sitzt dabei, während er isst.

 

Die Kinder wissen, wann sie vorsichtig sein müssen, wenn sie in ihren nebeneinander liegenden, bis auf die Farbe genau gleichen Zimmern, die sie nicht abschließen dürfen, obwohl sie den Schlüssel haben, etwas Verbotenes tun. Sie warnt die beiden unwissentlich durch ihre Lauten Schritte auf der Treppe, die unverwechselbar und im ganzen Haus zu hören sind. Es klingt wie eine Herde Elefanten, ganz egal ob sie gerade zu- oder abnimmt – sie tut immer eins von beiden. Doch streng genommen gibt es sehr wenig, was die Töchter geheim halten müssen, denn sie verbietet kaum etwas. Ihre Mutter hat ihr immer alles verboten und sie hat es trotzdem getan; sie will anders sein als ihre Mutter, die ein so sorgloses Leben führt, dass sie sich ihre vielen Sorgen und Schmerzen selbst ausdenken und dann jedem erzählen muss. Sie hat keine Geduld dafür und ihre Angst, genauso zu werden geht soweit, dass sie auf dem Nachttisch ein Buch mit dem Titel „Oh nein, ich werde wie meine Mutter“ liegen hat, in dem hinten ein Test ist, den sie alle paar Monate einmal macht, um sich zu vergewissern, dass sie noch nicht so wie ihre Mutter ist.

 

Er macht sich darüber lustig, frustriert sie dafür durch seine Beziehung mit seinem Bruder, mit dem er seit elf Jahren fünf oder sechs Mal gesprochen hat, immer nur dann, wenn sie ihn dazu gezwungen hat.

 

Sie lacht gerne über die Geschichten, die ihre Kinder aus der Schule mitbringen, doch an ihr Lachen kann er sich nicht mehr erinnern. Sie redet so gern wie kein anderer im Haus und schafft es wie kein anderer, das Haus mit ihrem ständigen Geraschel, Geschmatze, Getrampel und der immer leicht heiseren Stimme zu beleben.

 

Sie riecht kaum nach Rauch, obwohl sie ständig im Wohnzimmer oder der marmorierten Küche zu sitzen und zu rauchen scheint. Ihr Körpergeruch ist so leicht, dass er nicht glaubt, ihn in all den Jahren je gerochen zu haben. Er hingegen hinterlässt ihn überall, auf seiner Kleidung, auf der Bettwäsche und sogar den zwei Kuscheltieren, die er ihr vor Jahren geschenkt hat, ein Pferd und einen Esel, den sie liebevoll nach ihm benannt hat, und die das viel zu große grüne Schlafzimmer seit dem Einzug vor acht Jahren noch nie verlassen haben.

 

Sie hasst es, das große Haus zu putzen und doch ist es immer sauber. Manchmal wünscht sie sich, sie hätten das viel zu große Haus nie gebaut und hätten sich eine größere Wohnung gesucht oder noch besser sie wären dahin zurückgekehrt, wo sie herkommt, wo ihre Familie wohnt, aber sie hat gelernt, dass er das nie tun würde, es ist ihm dort alles zu hektisch. Stattdessen hat er sich den Traum, den jeder, den sie seit sie verheiratet ist, kennen gelernt hat, erfüllt: den Traum vom Eigenheim.

 

Manchmal fragt er sich, ob es anders gewesen wäre, wenn er den Traum vom Haus, den sie zu Beginn noch teilte, nicht weiter verfolgt, wie so viele andere nur davon geredet hätte, ohne jemals etwas zu tun, ob sie dann noch da wäre, doch die Schuld liegt nicht beim Haus. Sie liegt nicht bei ihm, den Kindern oder auch ihr. Es ist einfach etwas, das passiert ist, nachdem sie das Haus bezogen haben und sie liebt das Haus mit dem Platz für ihre Kleidung, ihre Taschen und ihre Schuhe, für die in der alten Wohnung ebenso wenig Platz gewesen war wie für die Mitbringsel von allen möglichen Reisen, seine kostbare Füllersammlung oder die Kinder, die so schnell älter wurden.

 

Und so bauten sie ein Haus, das ihre Träume mit seinen kombinierte: Sie wollte viele Bäder und große Zimmer, er einen Raum ganz für sich und nicht bis an sein Lebensende verschuldet sein.

 

Das Haus gehört beiden, doch er hängt viel mehr daran wie sie, die in ihrer Kindheit so oft herumgezogen ist und es hin und wieder wagt vorzuschlagen, das Haus zu verkaufen, sie findet es zu groß. Ihre Eltern haben auch einmal ein Haus gebaut, als sie klein gewesen war, hatten aber dann nur nach zwei Jahren des Bauens nur ein paar Monate dort gewohnt, bis ihre Mutter ihrem Vater gesagt hatte, sie möge es nicht mehr. Er hatte es sofort verkauft. Doch er ist nicht wie ihr Vater, er findet das Haus zwar auch zu groß, wird aber nie nachgeben und es verkaufen. Er möchte für immer darin wohnen, sie hingegen träumt insgeheim davon, irgendwann, vielleicht wenn die Kinder mit der Schule fertig sind, an den Ort zurückzukehren, der in ihrem Herzen immer noch ihr zu Hause ist. Wenn sie dorthin geht, sagt sie, sie gehe nach Hause, dabei hat sie schon seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewohnt. 

 

Eines Tages tut sie es dann.

 

Es ist jetzt leise im Haus. Wenn die Kinder nach Hause kommen, haben sie oft das Gefühl, das viel zu große Haus sei verlassen, so ungewohnt still ist es jetzt. Eine der Töchter dreht die Musik so laut auf wie sie kann, ohne Beschwerden zu erhalten, was oft genug vorkommt, um vor der Stille zu fliehen.

 

Wenn er jetzt nach Hause kommt, fragt er nicht mehr nach ihr, er redet nur selten über sie und immer nur dann, wenn er abends am Wohnzimmertisch einen neuesten Füller begutachtet und dabei ein Glas Rotwein trinkt. Sie sitzt ihm dann nicht gegenüber, wie sie es früher getan hat, dabei gekonnt seine Kommentare über Füller ignorierend.

 

Auch das Schlafzimmer hat er ganz für sich. Er hat eine Luftmatratze vor das Bett gestellt, um gemütlicher fernsehen zu können, was sie nie geduldet hätte. Aber er verbringt weniger Zeit im Schlafzimmer, sitzt öfter in seinem Büro vor dem Computer. Wenn er schlafen oder lesen will, wird er nie durch Geräusche gestört- Insgeheim vermisst er es. Genau wie die Töchter das Trampeln der Elefantenherde vermissen. Keiner redet darüber, aber alle drei wissen es.

 

Wenn sie am Wochenende bei den einzigen zwei Mahlzeiten, die sie die Woche über zusammen zu sich nehmen, am Tisch sitzen, fehlt etwas – die vierte Person, die bei den Gesprächen oft vollkommen am Thema vorbeiredet, weil sie etwas ganz anderes verstanden hat.

 

Als er einmal spät abends bei einem Glas Wein meint, der gute Geist habe das Haus verlassen als sie gegangen ist, trifft er den Nagel auf den Kopf, sagt in einem Satz alles, was es zu sagen gibt.

 

Da, wo sie jetzt ist, geht es ihr gut. Sie ist glücklich, fühlt sich wie vor der Zeit, als sie ihn kennen gelernt hat und zu ihm gezogen ist, ihre Familie zurücklassend für einen Mann, der in ihren Augen sehr wenig Familiensinn hat.

 

Manchmal nimmt sie das Telefon in die Hand und wählt die Nummer des großen Hauses. Er ruft sie nie an, behauptet, er habe ihre Nummer, die im Telefonbuch gespeichert ist, nicht. Er und die Kinder stehen sich näher denn je zuvor, es läuft eigentlich ganz gut, aber der gute Geist, der zu seinem Traum gehört hat, fehlt. 

 

 

 

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